ZoomText 9 im Test
Jeroen Baldewijns
Roel Van Gils
Blindenzorg Licht en Liefde vzw - Belgique
Februar 2006
Ai Squared hat vor kurzem Version 9 der berühmten Vergrößerungssoftware ZoomText
eingeführt. Einige Monate vor der eigentlichen Markteinführung hatte der Entwickler
bereits durch mehrere Vorführungen im Rahmen diverser Fachmessen auf das Produkt
aufmerksam gemacht. Wir wollten nun wissen, inwiefern die neue Version den Versprechungen
tatsächlich gerecht wird.
Testbedingungen
Das neue ZoomText erfordert einen PC mit Pentium-III-Prozessor 450 MHz, 256 MB RAM,
25 MB freien Festspeicherplatz, eine Soundkarte und als Betriebssystem Windows 98,
Me, NT 4.0, 2000, XP, Vista oder 7 (32-64 bit). Bevor Sie das neue Programm installieren, sollten Sie
überprüfen, ob Ihr Rechner die Systemanforderungen erfüllt.
Wir haben den Test an einem Notebook mit Pentium-Prozessor 1,73 GHz, 512 MB RAM,
Version SAP15 der bekannten Sprachausgabe Vocalizer und als Betriebssystem Windows
XP Professional durchgeführt.
Bei diesem Test haben wir mit der Version „Magnifier Screen Reader“ von ZoomText
gearbeitet. Die Version „Magnifier“ ist mit ihr identisch, umfasst aber nicht die
Sprachfülle-Funktion, von der in diesem Artikel die Rede ist.
xFont, das Zugpferd dieser Software
Als wir ZoomText 9 zum ersten Mal in Händen hielten, fiel unser Blick unweigerlich
auf das neue Logo xFont und den Zusatz „Advanced Text Magnification“. Handelte es
sich dabei um einen kommerziellen Blickfang oder tatsächlich um eine technologische
Revolution, wie man bei den Fachmessen lauthals verkündete? Wir spekulierten nicht
lange und begannen gleich mit der Installation. Bei der Inbetriebnahme des neuen
ZoomText wurde sofort deutlich, dass es unsere Erwartungen mehr als erfüllte: Die
Qualität der vergrößerten Zeichen auf dem Bildschirm ist phänomenal. Wir alle waren
von dem gestochen scharfen Bild verblüfft.
Kommen wir kurz zu ZoomText 8 zurück. Auch dieses Produkt bestach bereits durch
die präzise Wiedergabe geläufiger Schriftarten wie Arial, Verdana oder Trebuchet.
Andere Schriftarten wie Times New Roman oder Palatino waren zugegebenermaßen etwas
weniger scharf, und bei ausgefalleneren Schriftarten wie Brush Script oder Lucida
Handwriting brauchte man es erst gar nicht zu versuchen. Hier war das vergrößerte
Bild eher der abstrakten Kunst zuzuordnen. Außerdem ließ die Qualität bei Zwischenmaßstäben
wie 1,2 und 1,5 oder auch 1,7 stark nach, und dies bei allen Schriftarten.
xFont macht Schluss mit diesen Problemen. Die Qualität ist wirklich makellos, und
zwar bei allen Schriftarten und jedem Vergrößerungsmaßstab, selbst bei den Zwischenmaßstäben.
Wir wollten die neue Software aber auf Herz und Nieren prüfen und erstellten daher
in Microsoft Word ein Dokument mit 12 verschiedenen Schriftarten (Maschinen-, Hand-
und Fantasieschrift), deren vergrößertes Bild zu Zeiten von ZoomText 8 teilweise
nicht zu entziffern war. Jede dieser Schriftarten haben wir mit 8 verschiedenen
Schriftschnitten oder -effekten (fett, schattiert, kursiv usw.) und mehreren Farben
versehen. Darüber hinaus enthielt das Testdokument eine Reihe Symbolzeichen aus
Wingdings und Webdings. Die Vergrößerungsergebnisse waren alle einwandfrei. Selbst
die Symbolzeichen hatten eine sehr viel bessere Qualität. Insgesamt wurde die Qualität
auch dann nicht beeinträchtigt, wenn die Schrift fett, kursiv, unterstrichen, durchgestrichen,
farbig oder hervorgehoben war. Schattierte Zeichen blieben in der Regel gleichwertig,
außer bei zwei der vier getesteten Fantasieschriften. Lediglich die Attribute Outline,
Relief und Gravur scheinen sich seit ZoomText 8 nicht nennenswert verbessert zu
haben. Da diese Schrifteffekte aber nur selten vorkommen, haben wir diesem Manko
wenig Bedeutung beigemessen. Auf den folgenden Abbildungen wird die Qualitätssteigerung
deutlich (beachten Sie auch die Qualität des Cursors).
ZoomText 9.0
Mit anderen Worten: ZoomText 9 bietet sehbehinderten PC-Benutzern optimalen Lesekomfort
und eine wirklich freie Auswahl aus den Schriftarten. Unserer Meinung nach lohnt
allein schon die neue Technologie xFont den Wechsel von Version 8 auf Version 9.
Die Vergrößerungsqualität bei Fotos und Abbildungen ist hingegen immer noch die
gleiche. Vielleicht lässt sich hier bei der Entwicklung der Version 10 etwas verändern
?
Vergrößerungsfunktionen
Beinahe hätten wir die vielen Neuheiten vergessen, mit denen ZoomText 9 aufwartet.
Neben den Zwischenmaßstäben, die wir von der Version 8 her bereits kennen, ermöglicht
die neue Version zudem eine 2,5-fache Vergrößerung. Und das macht durchaus Sinn.
Weil Flachbildschirme nämlich ihre Probleme mit geänderten Auflösungen (und folglich
mit Vergrößerungen) haben, sind Zwischenmaßstäbe eine wichtige Arbeitshilfe, um
das Bild bei geringer Vergrößerung scharf zu halten.
Doch auch nach oben hin wurde die Skala erweitert. Begnügte sich ZoomText 8 noch
mit einem Höchstmaßstab von 16:1, so ist jetzt eine Vergrößerung im Maßstab 32:1
möglich. Ein wichtiger Schritt, um mit der Entwicklung der immer größer werdenden
Flachbildschirme mitzuhalten (und immer kleinere Texte anzeigen können).
Die Buttons auf der Bedienungsoberfläche der Vergrößerungsfunktionen sind neu angeordnet.
Die Buttons „Anpassen“ (zur Festlegung des Formats und der Position eines vergrößerten
Fensters) und „Sperren“ (zum Beibehalten eines Teils des Monitorbildes) sind verschwunden.
Diese Funktionen befinden sich jetzt in dem Menü, das mit dem Button Typ abrufbar
ist. Das ist logisch und sinnvoll.
Lesbarkeit der Texte
Der Vorteil: In die frei gewordenen Schaltflächen sind zwei andere Buttons mit neuen
Funktionen gerückt.
Der Button „Schriftart“ ermöglicht unter anderem eine Reduzierung der Randkorrektur,
auch wenn die meisten Benutzer diese Funktion wohl nicht benötigen werden. Alternativ
hierzu kann man mit diesem Button alle Zeichen fett wiedergeben, um sie auf dem
Bildschirm voller und besser lesbar darzustellen. Außerdem lassen sich die Zeichen
mit diesem Button verengen (verkleinern). Dieser Parameter ist beispielsweise hilfreich,
wenn die Zeichen zu dicht gedrängt stehen oder einander überlappen. Fette und verengte
Zeichen sind ein eindeutiges Plus der neuen xFont-Technologie und können die Lesbarkeit
unter gewissen Bedingungen erheblich verbessern.
Alle Bildverbesserungsfunktionen aus ZoomText 8 sind natürlich weiterhin vorhanden
(Verbesserung der Farben, des Mauszeigers und des Cursors).
Suchfunktionen
Zu der bereits hinlänglich bekannten Desktop-Suche (die eine Liste aller Desktop-Elemente
anzeigt) und der Web-Suche (mit einer Liste aller Links der aktiven Webseite) kommt
jetzt noch die Textsuche. Mit dieser Funktion lässt sich ein Textauszug in jedem
x-beliebigen Bildschirmbereich auffinden, ob Desktop, Menübalken eines Programms,
Startleiste, geöffnete Webseiten oder sonstige Inhalte.
Der erfasste Text wird hervorgehoben, während direkt daneben eine Reihe von Buttons
erscheint, mit denen der Textauszug oder das Dokument ab dieser Textstelle vorgelesen
wird oder eine Rückkehr zum Suchfenster möglich ist. Diese Neuheit bedeutet einen
großen Vorteil gegenüber den Standard-Suchfunktionen der meisten Programme.
Sprechtechnik und Lesefunktionen
Die Sprechtechnikfunktion ist unverändert. Sie können die Sprachausgabe, die Sprechgeschwindigkeit,
ja selbst die Ausspracheform für bestimmte Arten von Informationen, auswählen. Gewohnte
Funktionen wie Monitor lesen, Dokument lesen oder das „Tell-Me“-Tool sind weiterhin
vorhanden.
Neu sind hingegen die Lesezonen. Mit dieser Funktion lassen sich Zonen am Bildschirm
festlegen und benennen. Mit Short-Cut-Tasten kann der Benutzer dann kurzerhand von
einer Zone zur anderen wechseln und den jeweiligen Inhalt vorlesen lassen. Bei Programmen
mit häufig benutzter Bildlaufleiste oder beim Durchsehen von Webseiten ist diese
Funktion weniger hilfreich. Dafür sparen Lesezonen viel Zeit in Datenbanken, Adressbüchern
für Telefonzentralen oder im Daisy-Programm.
Short-Cut-Tasten
Natürlich sind alle Funktionen nach wie vor über Schnelltasten erreichbar, auch
wenn sich dieser Artikel in erster Linie mit dem Button-Fenster befasst. In diesem
Punkt ist Ai Squared jedoch ein Vorwurf zu machen. Schon in unserem Testbericht
zu ZoomText 8.1 wurde bemängelt, dass einige Short-Cut-Tasten auf einmal anders
zugeordnet sind, was die Benutzergewohnheiten durcheinander bringt und ziemlich
ärgerlich ist. Und auch dieses Mal wurde an den Short-Cut-Tasten gebastelt. In ZoomText
8.1 beispielsweise ließ sich die Funktion Sperren mit den Tasten CTRL+F aktivieren.
In der Version 9 wird jetzt über diese Tastenkombination die Zeichenschärfung aktiviert.
Wer ZoomText wie bisher mit Short-Cut-Tasten bediente, wird sich leider umstellen
müssen.
Anwendungsspezifische Parameter
Eine weitere Neuheit besteht darin, dass jedem Anwenderprogramm eigene Parameter
zugeordnet werden können. So lässt sich beispielsweise einstellen, dass Excel in
der Regel mit geteiltem Bildschirm arbeitet, dass die Farben in Word immer umgekehrt
anzuzeigen sind oder dass Webseiten grundsätzlich in Grautönen erscheinen, ohne
jedes Mal die Einstellungen in ZoomText ändern zu müssen. Die Parameter werden einmalig
programmspezifisch eingestellt und als Programmparameter gespeichert. Beim Öffnen
des Anwenderprogramms wählt ZoomText dann automatisch die gewünschten Einstellungen.
Für Benutzer, die häufig das Programm wechseln, ist dies natürlich von unschätzbarem
Vorteil.
Hinweis
Wir haben ZoomText 8 allgemein mit BrightSpeech (SAPI5) oder Vocalizer (SAPI4) getestet.
Dabei stand uns erstmals die Version SAPI5 von Vocalizer zur Verfügung. Der folgende
Hinweis betrifft in keiner Weise unser Urteil über ZoomText, doch fanden wir es
wichtig, diesbezüglich eine kurze Bemerkung anzufügen. Es schien uns, als sei die
Sprachausgabe hierdurch klarer und deutlicher geworden, doch soll der Benutzer dies
selbst beurteilen. Wichtiger ist die folgende Feststellung. Wählt man in den Parametern
der Lesefunktion von ZoomText „Tasten“ in „Echo“, so werden alle betätigten Tasten
Zeichen für Zeichen vorgelesen, so dass Tippfehler sofort auffallen. In der Version
SAPI4 von Vocalizer musste man nicht sonderlich flott tippen, um schneller als die
Sprachausgabe zu sein. In der Version SAPI5 hingegen konnte Vocalizer stets Schritt
halten. So schnell wir auch tippten, das Tastenecho hat kein einziges Zeichen ausgelassen.
Damit erweist sich die Rechtschreibkontrolle jetzt als echte Arbeitshilfe.
Fazit
Mit der Aufrüstung mit xFont hat ZoomText einen klaren Vorsprung gegenüber anderen
Vergrößerungsprogrammen erhalten. Dazu kommt eine ganze Reihe höchst interessanter
Neuheiten, wie die Textsuche, die Zeichenschärfung und nicht zuletzt die Voreinstellung
verschiedener persönlicher Benutzerparameter für die einzelnen Anwenderprogramme.
Die Konkurrenz wird sich sicherlich sehr bemühen müssen, um diesen Vorsprung aufzuholen.
In der nachstehenden Übersicht sind noch einmal alle Neuheiten der Version 9 aufgeführt.
Neu in ZoomText 9.0
- Unübertroffener Lesekomfort durch xFont-Technologie
- Verbesserte Lesbarkeit durch Fettwiedergabe oder Zeichenverengung
- Vergrößerung im neuen Zwischenmaßstab 2,5x
- Vergrößerung jetzt bis zu 32x
- Neue Suchfunktion zum Auffinden von Textauszügen: Textsuche
- Aufteilung des Bildschirms in Lesezonen
- Automatischer Abruf persönlicher Benutzerparameter je Anwenderprogramm.